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Kontinent & Land:
Europa / Türkei
Eine außergewöhnliche Reise ins ferne und wilde Kurdistan
nicht mit Karl May sondern mit schulz aktiv reisen
Schnauf, ächz, stöhn, leise meckern, über sich selber ärgern, ständig den bösen Schwei¬nehund verjagen, stehen bleiben, tief atmen, sich selbst animieren, weiterlaufen, Beine wie Blei …….., dann ein langes Schneefeld, Steigeisen angeschnallt, Schritte zählen, Gipfelfahne sehen, …….. auf einmal Applaus von oben …….. geschafft, ich stehe auf 5 167 m über dem Meer, dem heiligen Berg Ararat! Ein Traum geht in Erfüllung!!! Doch der Reihe nach! Tief im Hinterkopf existierte schon längere Zeit der Wunsch, einmal einen 5 000er zu besteigen. Hin- und herüberlegt und von Olaf Schau von schulz aktiv Reisen gut beraten entschieden wir uns, diesen Wunsch Wirklichkeit werden zu lassen und pickten uns für den Sommer 2007 eine Reise nach Ostanatolien zum Ararat heraus. Das faszinierende an der Reisebeschreibung war für uns die Kombination von Aktivität, kennen lernen fremder Kulturen, relaxen. Nach dem Buchen der Reise begannen die Vorbereitungen, Impfen, Zahnarzt, bissel mehr Sport als üblich, Bücher über die Gegend studieren, Zusammensuchen der Siebensachen, borgen der fehlenden Utensilien. Jetzt musste noch alles im Rucksack verstaut werden, der sowieso immer zu schwer ist und es konnte los gehen. Via Berlin Tegel (übliche Kontrolle meiner Bergschuhe auf verborgene Waffen oder andere verbotene Dinge) ging es mit unserer 8 Personen starken Gruppe über Istanbul (absolut tolle und sehenswerte Stadt, ein unbedingtes Muss vor oder nach der Rundreise) weiter nach Van in den fernen Osten der Türkei. Diese Stadt spielte während der Auseinandersetzungen mit den Armeniern zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine große Rolle, wurde vollständig zerstört und an anderer Stelle wieder aufgebaut. Jetzt wohnen in Van ca. 285 000 Einwohner. Am Flughafen empfing uns unsere kurdische Begleitmannschaft unter Leitung von Kemal, die uns zwei Wochen durch die fremde Landschaft stets sicher chauffierte (Metin), mehrmals täglich mit kulinarischen Köstlichkeiten verwöhnte (Kecel), wissenswerte Informationen über Land und Leute übermittelte, auf den Bergtouren umsichtig und freundlich begleitete und umsorgte (Kemal, Ruhat, Mehmet). Das Gepäck war schnell im Tourenbus verstaut und die Reise ins Außergewöhnliche und Unbekannte begann, immer begleitet von kurdischen Melodien, welche wir noch lieben und hassen lernten. Startpunkt und Zielpunkt der Tour war das Hotel Tusba, wunderschön am Van-See gelegen. Unser 1. Tag führte uns nach der Besichtigung der Ruine der alten Zitadelle (9. Jahrhundert v. Chr.) zur Insel Akdamar, auf welcher noch eine armeni¬sche Kirche aus dem 9. Jahrhundert steht. Wir schifften uns zur Überfahrt ein, bestaunten die schönen Reliefs mit vielen christlichen Motiven und die übrig gebliebenen Bemalungen im Innenraum der Kirche, erkletterten den höchsten Punkt der Insel, genossen ein Bad im alkalischen See (Seife ist schon drin!) und ließen den Tag bei einem tollen kurdischen Grillabend am Seeufer mit romantischem Sonnenuntergang ausklingen. Der deutsche Alltag war schon so fern und die Vorfreude auf alles Weitere so groß, dass wir total ent¬spannt am Abend ins Hotelbett fielen. So ganz richtig los ging es am 2. Tag, nämlich zu der Caldera des Vulkanes Nemrut Dagi, der durch seinen Ausbruch und die nachfolgenden Lavaströme den Abfluss des Van-See’s verstopfte. Schweißgebadet verließen wir wettermäßig nicht gerade verwöhnten Mittel¬europäer am kleinen Kratersee unserem Bus, bauten schnell unsere nächtlichen Behausungen auf und stiegen bei vielleicht 35° C (oder mehr?) im Schatten dem Nemrut aufs Dach. Drei Stunden später unser erster großer Gipfelsieg auf 2 935 m bei immer noch un¬erträglichen Temperaturen, tolles Panorama, weiter Blick in die Ebene bis zum Van-See und schöner Blick zum Kratersee, wo ein Sprung in die Fluten auf uns wartete. Der Abend klang mit kurdischen Weisen, Tänzen und einem von uns noch nie gesehenen Sternenhimmel aus. Nach einem erfrischenden Bad am Morgen und Abbau der Zelte ging die Fahrt weiter nach Alath, wo ein seldschukischer Friedhof besichtigt wurde. Interessant für uns war, Männer erhielten bei der Beerdigung zwei Grabsteine, Frauen nur einen, aber für Gelehrte steht ein sakopharkähnliches Monument zur Verfügung. Während Kemal das Permit für die Besteigung des Süphans besorgte, machten wir Touris derweil die Gegend unsicher, schwitzten wieder fürchterlich und badeten vor unserem nächsten Highlight nicht ganz korrekt gekleidet im See. Auf der Weiterfahrt zum Basislager des Süphans tangierten wir mehrere Dörfer, durch welche riesige Schafherden getrieben wurden. Freundlich be¬grüßten uns immer wieder die Dorfbewohner und vor allem die Kinder. Stets ein „Hello, whats your name?“ auf den Lippen besaßen sie überhaupt keine Scheu vor uns fremden Weißhäuten. Am nächsten Morgen 3:00 Uhr stand unsere nächste Herausforderung auf der Tagesord¬nung. Nach einer grässlichen Weckzeit um 2:00 Uhr waren wir geschniegelt und gebügelt mit Stirnlampen ausgestattet bereit, einen Höhenrekord zu knacken. Gemächlichen Schritts, mit einem frohen Lied auf den Lippen, führten die Bergführer die Gruppe höher und höher. Irgendwann trennte sich die Spreu vom Weizen und wir wanderten getrennt in der Zusammensetzung „die sportlich Schnellen“ und „die lahmen Enten“ weiter bergan. Der Weg ist das Ziel und so standen ca. 11:00 Uhr alle Teilnehmer auf dem Süphan, 4 057 m hoch. Der Abstieg ins Basislager kostete uns nur einen Bruchteil der Aufstiegszeit, war aber dafür viel Knie strapazierender. Auf der folgenden Fahrt nach Dogubayazit, unserem Ausgangspunkt bei der Besteigung des Ararat, konnten die müden Glieder ausruhen und der Bus mutierte zum Schlafsaal. Auf einem wegen eines vorausgegangenen Unwetters halb verschneiten und verhagelten Pass, Höhe 2 600 m, sahen wir alle zum ersten Mal das „Objekt der Begierde“ – den Ararat. Majestätisch erhebt sich der Berg fast 3 500 m hoch über der 1 700 m hohen Ebene. Jeder hing seinen Gedanken nach: Schaffe ich es? Habe ich nicht zu hoch gepokert? Was wird mit dem Wetter? Hotel, Dusche, ein Bett und die Aussicht auf einen Ruhetag ließen unsere Herzen trotzdem höher schlagen. Der Name Ruhetag ist irreführend, geruht wird nicht, sondern wir besuchten auf einer Schotterpiste hoch fahrend die sagenumwobene Arche Noah auf der gegenüberliegenden Talseite des Berges. Die Frage, ob die Legende stimmt, steht allerdings immer noch aus. Aber die Blicke zum Berg ließen dafür die Kameras heiß laufen. In der Mittagszeit testeten wir die Cafes in Dogubayazit und besichtigten, sehr nett eingekleidet (oder eher verkleidet) durch ein Sportgeschäft, eine nahe gelegene Moschee. Den Ruhetag beendeten wir an den Quellen des Euphrat mit einem Bad im heißen Schwefelwasser, welches (fast) sämtli¬che Krankheiten heilen soll. Mehr als gesund, vor Kraft strotzend, sauber und gesättigt durch ein ausführliches Abendbrot erreichten wir völlig relaxt unser Hotel und fielen in ei¬nen von den Rufen des Muezzins und den Geräuschen der Stadt unterbrochenen nicht zu tiefen Schlaf, der bei uns den Wunsch nach Ruhe in den Bergen hervorrief. Schade, die sollten wir in den nächsten Tagen nicht bekommen. Denn der Ararat wird im August von vielen Personen verschiedener Nationalitäten bestiegen, die alle in den gleichen Lagern wie wir wohnten, ungefähr zu gleichen Zeiten aufbrechen oder wieder zurück kommen, Esel und Pferde be- und entladen, Zelte auf- und abbauen, sich zu nachtschlafener Zeit laut unterhalten oder auch gleich mal im Morgengrauen allen Anwesenden ihr Liederrepertoire zum Besten geben sowie Damen mit angeschalteten Kameras nerven. Ein Nickerchen in seliger Ruhe war unmöglich. Wir blieben trotzdem ganz cool, denn wir hatten ja ein Ziel, dem wir uns Tag für Tag näherten. Tag 1 am Berg führte uns von der „Endstation“ unseres Busses in ca. 2 300 m Höhe zuerst in das Nomadenlager, wo die Schwester von Kemal und Mehmet sowie deren Kinder über die Sommermonate Vieh hüten. Wir wurden in der „guten Stube“, einem Nomadenzelt, herzlich wie Familienmitglieder aufgenommen und mit Tee bewirtet. Die unheimliche Welle von Gastfreundschaft von Menschen, welche sicher nur einen Bruchteil dessen besitzen, was für uns verwöhnte Deutsche selbstverständlich ist, war schon berührend. Nach diesem Erlebnis blickten wir mit anderen Augen auf unsere Wohlstandsgesellschaft zurück.
Aber nun hieß es, Bergschuhe wieder anziehen, wir mussten noch ein kleines Stück weiter, Ziel war das Lager 1 in ca. 3 200 m Höhe. Unser schweres Gepäck trugen die Pferde und Esel und wir durften leicht hopsend mit unseren klitzekleinen Tagesrucksäcken weiterlaufen. Das Etappenziel, Lager 1, sah noch recht einladend aus, auf Wiesenresten zwischen riesigem Blockgeröll konnten wir unsere Zelte errichten und anschließend relaxten wir dem nächsten Tag entgegen. Dieser führte uns zur Akklimatisation in größere Höhen auf ca. 3 800 m, wobei Kemal immer aufpasste, dass wir uns nicht zu sehr verausgabten. Der Abend ging zur Neige mit Essen, Trinken, Spielen, Singen, Tanzen, Quatschen, Ruhen und Vorfreude auf den nächsten Aufstieg, nämlich ins Lager 2 in ca. 4 200 m Höhe.
Bei strahlendem Sonnenschein bewältigten wir diesen Weg ohne Probleme, merkten aber langsam, dass sich die große Höhe doch auf den Körper auswirkt. Leichte Kopfschmer¬zen, Ruhebedürftigkeit und Atemnot bei Anstrengung (und sei es nur, wenn man schnellen Schritts hinter einem Stein „verschwinden“ muss) machten uns darauf aufmerksam, dass wir nicht in der Sächsischen Schweiz, sondern in anderen Gefilden wandern. Ein Glück, alle Teilnehmer der Gruppe waren wohlauf, das Essen schmeckte wie immer und die Vorfreude auf den kommenden Tag war groß. Am Kampf- und Sturmtag war der Weckruf 2:00 Uhr morgens gar nicht mehr nötig, da ab ca. 24:00 Uhr das Lager 2 vor Leben bebte und rumorte. Froh, endlich aus dem Schlafsack zu kriechen, schnell etwas Warmes zu sich zu nehmen und die letzte, sicherlich anstrengendste Etappe des Gipfelaufstieges in Angriff zu nehmen, ging es 3:00 Uhr als letzte Gruppe mit Stirnlampen ausgerüstet, im „Gänsemarsch“, unserem führenden Bergführer Mehmet hinterher bergan. Weit oben konnten wir die vorher gestarteten Gruppen an den bewegten Lichtern erkennen, haben aber bald die ersten zurückgebliebenen und nicht weiter steigenden Wanderer hinter uns gelassen. Ich gebe es ganz ehrlich zu, der Gedanke zurückzubleiben und nicht weiter zu steigen kam ganz hinten manchmal hoch, aber ich sagte, hinweg böser Gedanke, du kannst noch lange. Und wo ein Wille ist, ist auch ein Weg, der musste nur noch bewältigt werden. Ab ca. 4 800 m Höhe ging der Weg von Steingeröll über in Schnee und Eis. Der Gipfel schien greifbar nah und trotzdem mussten die letzten reichlich 300 Höhenmeter mittels Steigeisen noch bewältigt werden. Die Morgensonne lugte jetzt über den Kamm, Schritt für Schritt näherten wir uns dem Gipfel und ca. 8:00 Uhr stand auch der letzte Teilnehmer unserer Gruppe, nämlich ich, auf dem höchsten Berg der Türkei, dem sagenumwobenen Ararat. Froh, es endlich geschafft zu haben, genossen wir dick eingemummelt bei strahlendem Wetter die Aussicht in alle vier Himmelsrichtungen, ins nicht so ferne Jerewan, nach Iran, Armenien, in die Türkei und in der Ferne schimmerten die Umrisse des Kaukasus.
Der Sturm zwang uns nach einem Gipfelschnaps zum schnellen Abstieg, der es noch mal in sich hatte. Die Beine liefen fast von allein bergab bis ins Lager 2, wo unser Koch einen kleinen Imbiss vorbereitet hatte. Nach dem Lagerabbau ging es weiter über Lager 1 bis zum Nomadencamp sage und schreibe 2 700 Höhenmeter runter. Hier verbrachten wir die letzte Nacht am Berg nochmals im Zelt. Glücklich über das Erreichte, bewacht von riesigen Hunden mit tellergroßen Augen und wohl genährt vom Abendbrot (Spaghetti!!!), mit der Vorfreude auf eine Dusche und frische Kleidung am nächsten Tag fielen wir alle in einen erholsamen Schlaf unter einem faszinierenden Sternenhimmel. Die Sonne am nächsten Tag trieb uns zeitig aus dem Zelt und nach dem Frühstück nahmen wir die letzte Etappe zu unserem Geländebus in Angriff. Hier empfing uns der Koch Kecel unter den neidvollen Blicken anderer namhafter Expeditionen mit einer erfrischenden Melone. Ja, uns konnte es schon bissel gut gehen. Nach dem Einchecken im Hotel, dem ersten Wasserkontakt nach vier Tagen für unsere verschwitzten und verstaubten Körper unter der Dusche sollte es anschließend noch schöner kommen, der Wellnessteil des Urlaubs begann, welcher Hamam hieß. Schön getrennt nach Männlein und Weiblein genossen wir die anschließende Prozedur des Vorweichens in der Sauna, Nachweichens im Dampfbad, Grundsäuberung und massives Peeling mit einem Rubbelsack und Massage. Kiloweise Araratdreck pur fielen der Behandlung zum Opfer. Unsere Badefrau kam selber so richtig ins Schwitzen und wunderte sich sehr, dass es auch „dünne“ deutsche Frauen gibt. Mit einer Haut wie neugeborene Babys verließen wir das türkische Bad und wurden ob unse¬rer glänzenden Fassade von den Männern kaum wieder erkannt.
Ohne Zeitverlust fuhren wir anschließend zu Kemals Mutter, welche uns in ihr Haus zum Abendessen einlud. Uns zu Ehren musste ein Schaf sein Leben lassen. Einen Blick hinter die Kulissen und in das Leben einer kurdischen Familie zu werfen ist für einen Europäer sehr interessant. Wir wurden von den anwesenden Familienmitgliedern sehr herzlich begrüßt und mit dem obligatorischen Tee bewirtet. Für das Abendessen wird eine Tischdecke in der Zimmermitte auf dem Fußboden ausgebreitet, auf der alle Köstlichkeiten der Mahlzeit Platz finden. Ungewohnt für uns ist das Essen im Schneidersitz. Nach dem Essen stand der kulturelle Teil an. Die sehr musikalischen und rhythmischen Kurden, vor al¬lem die Kinder, führten uns Tänze vor, wo auch wir anschließend zeigen konnten, welches Temperament in uns Deutschen steckt. Voller neuer Impressionen und tief beeindruckt von der enormen Gastfreundschaft sanken wir am Abend todmüde in unsere Hotelbetten.
Der vollbrachte Höhepunkt der Reise ließ trotzdem keine Langeweile aufkommen. Wir statteten dem Ischak Pascha Palast, dem Neuschwanstein Ostanatoliens, einen Besuch ab. Von hier wurde die Seidenstraße kontrolliert und entsprechende Wegezölle kassiert. Der Fischsee in über 2 300 m Höhe war unser nächstes Ziel, den wir nach ca. 2 Stunden Fahrt durch teilweise von Erdbeben zerstörte und verlassene Dörfer erreichten. Köstlich schmeckte am Abend der gegrillte Fisch. Am Lagerfeuer mit echtem Dung klang der Tag bei kurdischen Gesängen und Tänzen aus und wir krochen das letzte Mal in die Schlafsäcke.
Wo die Reise begann endete sie auch am nächsten Tag, in Van. Unser Flieger wartet schon!
Kurdistan, machs gut, bi xatrê te oder Güle Güle!!!
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Autor: Angelika und Ingolf Bernd |
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